Keine Straße, kein Platz für Nazis!

Heute wurde Ihre Straße umbenannt. Die Gründe dafür, dass keine Straße den Namen Agnes Miegels tragen sollte, möchten wir im Folgenden erläutern. Die Umbenennung ihrer Straße findet im Rahmen der Mobilisierung zu den Aktivitäten gegen den am 4.8. stattfindenden Naziaufmarsch in Bad Nenndorf statt. Mittlerweile das siebte Jahr in Folge wollen Nazis den kleinen Kurort als Schauplatz nutzen, um Geschichte umzudeuten und den Mythos der Deutschen als Opfer des 2ten Weltkriegs zu formen. Ausführliche Informationen dazu gibt es unter: http://badnenndorf.blogsport.de/
Der Schwerpunkt dieser Straßenumbenennung ist jedoch ein anderer: Neben dem direkten Vorgehen gegen den Naziaufmarsch ist ein weiterer Fokus des Bündnisses „NS-Verherrlichung stoppen!“, Geschichtsrevisionismus der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“ zu thematisieren. Und hier kommt Agnes Miegel ins Spiel. Denn die sognannte „Heimatdichterin“, die ihren Lebensabend in Bad Nenndorf
verbrachte, war glühende Anhängerin des Nationalsozialismus und Verehrerin Adolf Hitlers. Selbst nach der Befreiung Deutschlands distanzierte sich die Schriftstellerin nie von ihren Werken, die völkisches Denken, Herrenmenschentum und Faschismus propagieren.
Thematisiert wird diese Tatsache meist nicht. Statt sich in diesem Zuge der deutschen Vergangenheit zu stellen, wird in Bad Nenndorf mit der Agnes-Miegel-Gesellschaft einem Verein aus dem Spektrum der „Vertriebenenverbände“ ein Heim geboten. Trotz der eindeutigen Gesinnung Miegels gibt es im Ort einen nach ihr benannten Platz und ein Museum. Und das ist, wie wir an dieser Straße sehen, nicht nur in Bad Nenndorf so. Viele Städte und Orte haben Agnes-Miegel-Straßen, -Plätze, oder -Schulen. Nachdem in den letzten Jahren die Diskussionen um eine eventuelle Umbenennung dieser immer häufiger werden, sind bisher wenige umgesetzt worden.

Mit der heutigen Straßenumbenennung wollen wir ein Zeichen gegen Geschichtsrevisionismus setzen und die Diskussion um diesen Missstand vorantreiben. Denn uns einerseits den Nazis auf der Straße entgegenzustellen, gleichzeitig die bis heute stattfindende unkritische Darstellung von Mittäter_innen des NS unkommentiert stehen zu lassen, erscheint uns nicht besonders konsequent. Daher rufen wir Sie dazu auf, sich mit uns dafür einzusetzen, dass ihre Straße einen anderen Namen erhält.

Wir haben Ihre Straße heute umbenannt in Dorothee-Balmes-Straße.
Dorothee Balmes lebte in Bremen-Hemelingen, Fleetrade 62. Im April des Jahres 1935 wurde sie wegen „Beeinträchtigungsideen und Wahnvorstellungen“ in die Bremer Nervenklinik eingewiesen. Sie wurde damit in eine Institution eingeliefert, die im Sinne der nationalsozialistischen Idee von „Rassenhygiene“ organisiert und in letzter Konsequenz am systematischen Massenmord beteiligt war. Über ihr Leben bis zu diesem Zeitpunkt und auch über die Zeit in der Bremer Klinik gibt es kaum Informationen, da die Krankenblätter nicht erhalten geblieben sind. Anfragen des Ehemannes an die Klinikleitung, seine Frau versuchsweise zu entlassen, lehnten die Ärzte ab. Am 26.8.1942 brachte man Dorothee Balmes dann zusammen mit 39 weiteren „Langzeitpatientinnen“ von Bremen in die „Landesheilanstalt“ Uchtspringe bei Stendal. Dort hatte 1944 der Leiter der Uchtspringer Anstalt, Dr. Ernst Beese, nach Rückkehr von einer Besprechung in Berlin erklärt, dass der Reichsausschuss ihm den Auftrag erteilt habe, erwachsene Geisteskranke zu „euthanasieren“. In einem Nachkriegsprozess sagte die Uchtspringer Ärztin Dr. Hildegard Wesse (geb. 1911) aus, sie habe daraufhin selbst die Tötung von dreißig Frauen übernommen, „um Schlimmeres zu verhüten“. Genau zu dieser Zeit, am 13.11.1944, starb die 55jährige Dorothee Balmes. In der Krankenakte hatte Dr. Wesse als offizielle Todesursache eine „Sepsis“ angegeben. Ihre Straße wurde heute umbenannt, weil es für die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wichtig ist, das Gedenken an diese lebendig zu halten. Statt den Täter_innen Nazideutschlands unreflektiert Räume zu geben, ist es unsere Aufgabe, die beispiellosen Verbrechen zu benennen und Zeichen zu setzen gegen das Vergessen.

Bündnis „NS- Verherrlichung stoppen!“