Geschichtsrevisionismus Ahoi!

oder: die leicht zu klärende Frage, warum Bad Nenndorf zwar nervt, aber weiterhin ein fester Termin in euren Kalendern bleiben sollte!

Der seit 2006 jährlich stattfindende sogenannte Trauermarsch in Bad Nenndorf hat sich zu einem der größten Neonaziaufmärsche in der gesamten Bundesrepublik entwickelt und als solcher in der Szene etabliert. Die Teilnehmer_innenzahl steigt stetig an und auch Neonazis aus benachbarten Ländern werden hierfür erfolgreich mobilisiert. Bisher ist es jedoch nicht gelungen, diesen Großaufmarsch, der bereits bis 2030 von den Neonazis angemeldet wurde, (komplett) zu vehindern.
Auch in diesem Jahr soll dieser eklige „Trauermarsch“ stattfinden. Es liegt an uns, ob die Neonazis ihr geschichtsrevisionistisches Opfergedenken einmal mehr durchziehen können.

The story so far

Das Wincklerbad in Bad Nenndorf ist ein ehemaliges Internierungslager der britischen Armee, in welchem nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges u.a. einige ranghohe ehemalige Nazis inhaftiert waren.
2006, ein Jahr nachdem Foltervorwürfe in Bezug auf die Inhaftierten des Wincklerbades in einer britischen Zeitung thematisiert wurden, greifen deutsche Neonazis das Thema erstmalig auf und fordern eine Gedenktafel für die deutschen „Opfer“. Unter dem auch heute noch (in Abwandlungen) verwendeten Motto: „8. Mai: Gefangen, gefoltert, gemordet. Damals wie heute – Besatzer raus“ halten Neonazis erstmalig am 6. Mai 2006 eine Mahnwache ab. Seitdem findet in jedem Jahr ein sogenannter „Trauermarsch“ statt, welcher nunmehr bis ins Jahr 2030 angemeldet ist.
Am diesem ersten „Trauermarsch“ 2006 beteiligten sich ca. 100 Neonazis. In den folgenden Jahren nahm die Zahl der Teilnehmer_innen immer weiter zu. Beim dritten „Trauermarsch“ 2008 waren bereits ca. 400 Neonazis anwesend, unter ihnen mittlerweile auch Kamerad_innen aus dem benachbarten Ausland. Begleitet wurde der Aufmarsch von Gegendemonstrationen und Aktionen von Antifaschist_innen (am Tag des Aufmarsches unter anderem durch Blockadeversuche, zudem wurden zuvor Neonazis im Umland geoutet), wobei eine Verhinderung des gesamten Aufmarsches leider nicht gelingen konnte.
Im Jahre 2009 stieg die Anzahl der am „Trauermarsch“ teilnehmenden Neonazis auf 750. Nicht mit eingerechnet sind hier die 130 Personen aus dem Lager der Autonomen Nationalisten, welche vorzeitig abreisten, da sie in Vorkontrollen geraten waren und sich weigerten diese über sich ergehen zu lasssen. Obwohl es eine spektakuläre Ankettaktion an eine Betonpyramide gab, die zuvor auf die Route der Neonazis geschafft worden war, konnte der Aufmarsch einmal mehr nicht verhindert werden.
Auch im Folgejahr wurde diese Aktionsform durchgeführt, die Neonazis wurden jedoch schlicht an der Pyramide und den an ihr angeketteten Antifaschist_innen vorbeigeleitet. Auch mehrere Durchbruchsversuche auf die Route der Neonazis führten nicht dazu, dass der „Trauermarsch“ von behördlicher Seite abgesagt wurde. Stattdessen war zuvor eine Gegendemonstration aufgrund einer Gefahrenprognose von der Polizei verboten worden. Angeblich seien laut Verfassungsschutz 400 „Linksextremisten“ zu erwarten gewesen. Die Antifaschist_innen wurden folglich gefährlicher als die Neonazis eingestuft, obwohl in diesem Jahr etwa 900 Neonazis an dem Aufmarsch teilnahmen.

„Dann lasst sie doch marschieren. Eine Außenwirkung erzielen sie ohnehin nicht.“

Große Aufmärsche dieser Art haben vor Allem eine wichtige Vernetzungsfunktion und stabilisieren so die Neonaziszene nach innen. In Folge des Aufmarsches lässt sich nicht nur eine bessere Vernetzung der Neonazis auf Bundesebene feststellen, auch in unmittelbarer Nähe zu Bad Nenndorf kommt es zu einem Erstarken der Neonaziszene. In und um Schaumburg sehen sich als vermeintlich „links“ eingestufte Jugendliche zeitweise regelrechten Hetzjagden ausgesetzt, es kommt immer wieder zu Körperverletzungen und sogar zu Morddrohungen.
Der „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf hat sich zudem mittlerweile zu einem der größten Neonaziaufmärsche der BRD entwickelt und fungiert zugleich als eine Art Ersatzveranstaltung für die verbotenen „Rudolf-Hess-Gedenkmärsche“. Von Interesse in diesem Zusammenhang wird auch sein, inwiefern sich das Ende des größten jährlichen Neonaziaufmarsches in Dresden auf die Entwicklung in Bad Nenndorf auswirken wird.
Die sowohl in Dresden als eben auch in Bad Nenndorf betriebene Form des Geschichtsrevisionismus der Neonazis, welche deutsche Täter_innen zu Opfern stilisiert, steht der gesellschaftlichen Mitte im Übrigen nicht so fern, wie sich vermuten ließe.
Deutsches Opfergedenken wird generell wieder salonfähig wie beispielsweise die entkontextualiserende und parallelisierende Thematisierung der deutschen „Opfer“ im Hinblick auf Flucht und „Vertreibung“ zeigt.
Die Landesregierung in Sachsen rief zu einer symbolischen Menschenkette auf.
Die Teilnehmer_innen zündeten weiße Kerzen an und legten weiße Rosen auf Gedenktafeln. Zeitgleich rät die rechtspopulistische Partei „Die Freiheit“ in Dresdens Fußgängerzone den Bürger_innen: „Zünden auch Sie eine Kerze für die Opfer der Bombennacht an – Lassen Sie sich nicht missbrauchen!“

Der Aufmarsch in Bad Nenndorf ist für die Neonazis aber auch gerade deshalb so attraktiv, weil sie sich in der Vergangenheit sicher sein konnten, dass ihre Veranstaltung mehr oder minder reibungslos ablaufen kann. Denn jedes Jahr aufs Neue wird der Aufmarsch mit Hilfe einer übertrieben massiven Polizeipräsenz durchgesetzt.

Obwohl es in den vergangenen Jahren immer wieder spektakuläre Einzelaktionen gab, wie die oben beschriebenen Blockadeversuche mit Hilfe von Betonpyramiden, wurde der Aufmarsch bisher immer durch die Polizei durchgesetzt. Diese gut geplanten Aktionen, bei denen es gelang, Betonpyramiden auf die Route der Neonazis zu schaffen, hätten sehr gut zum Anlass genommen werden können, den Aufmarsch aufgrund einer Gefährdung für die „öffentliche Sicherheit und Ordnung“ abzusagen. Dies ist politisch aber offensichtlich nicht gewollt. Auch die abstrus hohe Anzahl an Polizeikräften verdeutlicht dies. Die massiv aufgestellte Staatsmacht erscheint im Gegensatz zur Anzahl der Gegendemonstrant_innen jedes Jahr aufs neue geradezu grotesk. Die Anzahl derer, die den Aufmarsch aktiv verhindern wollten war bisher im Verhältnis zu den Polizeikräften folgerichtig zu gering.

Ein Trauerspiel…

Die Nazis verknüpfen mit ihrem Aufmarsch verschiedene Forderungen. Es solle eine Gedenktafel für die deutschen Inhaftierten im Wincklerbad geben, ausserdem sollen diese als deutsche „Opfer“ anerkannt werden. Des Weiteren wird ein Abzug der sogenannten „Besatzer“ aus Deutschland gefordert.
In der Vergangenheit „steigerte“ sich die bürgerlichen Reaktion auf den Trauermarsch von aktivem Ignorieren in den ersten Jahren des Aufmarschs, immerhin zu eigenen Gegendemonstrationen, die sich inhaltlich aber erwartungsgemäß ausschließlich gegen den Neonaziaufmarsch als solchen richteten. Weder werden die alltäglich reproduzierten Ausgrenzungsmechanismen reflektiert, noch der Zusammenhang zwischen der Gesellschaft und neonazistischer Ideologie erkannt. Das Ziel des bürgerlichen Protestes ist es nicht, trotz aller individuellen Unterschiede ein gutes Leben für alle ermöglichen zu wollen, sondern vielmehr, das Prestige der Stadt zu schützen und die Idylle des Kurortes nicht zu stören. Die Neonazis werden als ein „von aussen“ kommender Störfaktor angesehen.
Diese Ignoranz spiegelt auch die Aussage des Bürgermeisters der Samtgemeinde, Bernd Reese (SPD), wieder, welcher die Forderung der Neonazis aufgriff und für eine Gedenktafel am Wincklerbad plädierte. Er verband damit die Hoffnung, dass der Neonaziaufmarsch hierdurch in Zukunft nicht mehr stattfinden würde. Seine einzigen Bedenken sind, dass die Neonazis und ihre bisherigen Aufmärsche ein Gedenken an die „unschuldigen Opfer“ und zu unrecht inhaftierten des Wincklerbades erschweren würden. Auch hier findet eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Neonazis nicht statt. Die Motivation ist hier lediglich, einen Imageschaden für das Staatsbad Nenndorf abzuwenden.

Die Aussage der Bürgermeisters fügt sich ebenfalls hervorragend in den bundesdeutschen Opferdiskurs ein. Einerseits soll Deutschland als geläuterte Nation verstanden werden, andererseits möchte man sich von den „ewig gestrigen“ abgrenzen. Auf dieser Grundlage, verbunden mit dem guten Gefühl, man habe genug zur „Geschichtsaufarbeitung“ beigetragen, kann man nun auch „endlich“ der sogenannten deutschen Opfer gedenken. Täter_innen werden so zu Opfern stilisiert, die ursächlichen Geschehnisse werden nicht mehr beleuchtet und die Gräueltaten der Nazis ausgeblendet. Dies führt zu einer Gleichsetzung der Ermordeten von Auschwitz mit beispielsweise den „deutschen Opfern“ von Dresden. Diese Form der Entkontextualisierungn ist vom Geschichtsrevisionismus der Neonazis nicht mehr weit entfernt.

Bad Nenndorf ist bunt?

Ähnlich problematisch stellt sich die Illusion dar, dass mit dem Verschwinden der Neonazis Bad Nenndorf „bunt“ werden würde. Die Struktur der Dorfgemeinschaft verändert sich hierdurch nicht, dies funktioniert weder in der Schaumburger Provinz, noch in einem größeren gesellschaftlichen Kontext. Alltägliche Rassismen und andere Ausgrenzungsmechanismen werden und wurden nicht hinterfragt. Im Sinne kapitalistischer Verwertungslogik gehören Abschiebungen zum alltäglichen Programm, wird die Festung Europa immer mehr ausgebaut. Es wird öffentlich und medial gegen all jene gehetzt, die vermeintlich nicht genug zur Profitmaximierung des Standortes Deutschland beitragen können und diese dann als „Sozialschmarotzer_innen“ gebrandmarkt. In Bad Nenndorf und überall sonst gilt es, die Zwänge der Leistungsgesellschaft zu hinterfragen und sich dem Rassismus und Sozialchauvinismus gegen alle jene, die als nicht angepasst genug gelten, entgegenzustellen. Neonazis fallen eben nach wie vor nicht vom Himmel. Eine emanzipatorische Kritik am alljährlich stattfindenen Trauermarsch bleibt also dringend notwendig.

Warum also nach Bad Nenndorf fahren?

Die Verhinderung des Neonaziaufmarsches stellt alleine keine Lösung für gesamtgesellschaftliche Probleme dar, trotz allem ist sie unbedingt notwendig. Da Neonazis zum einen eine unmittelbare Gefahr für Leib und Leben von Menschen darstellen, die nicht in ihr menschenverachtendes Weltbild passen und zum anderen ihre geschichtsrevisionistischen Positionen gesamtgesellschaftlich an Einfluss gewinnen. Ein erfolgreicher Aufmarsch bedeutet zudem eine Stabilisierung der Szene nach innen, verbessert die bundesweite Vernetzung (und darüber hinaus) und bewirkt somit eine generelle Stärkung der Szene. Jedoch darf sich der Widerstand nicht nur auf eine affekthafte „Nazis auf`s Maul“ Haltung beschränken, es muss vielmehr eine Auseinandersetzung stattfinden, welche die Neonazis im Kontext der Gesellschaft kritisiert.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der linken Gegendemonstrant_innen stetig zurückgegangen. Dies liegt wohl daran, dass die bisherigen Versuche, den Aufmarsch zu verhindern, nicht erfolgreich waren. Hieraus den Schluss zu ziehen, eine Fahrt nach Bad Nenndorf würde sich nicht „lohnen“, ist keine akzeptable Option. Der Eventcharakter sollte nicht ausschlaggebend dafür sein, ob nach Bad Nenndorf gefahren wird oder nicht. Die inhaltliche Auseinandersetzung mit Neonazismus bleibt unbedingt notweniger Teil antifaschistischer Arbeit. Den Aufmarsch in den letzten Jahren nicht vollständig verhindern zu können, mag frustrierend gewesen sein. Allzu deutlich zeigt sich hierdurch aber auch, wie nötig ein entschlossenes Auftreten in Bad Nenndorf ist und auch in Zukunft sein wird. Zudem drohte eine emanzipatorische linke Kritik zuletzt hinter der schlichten bürgerlichen Abwehrhaltung und den dazugehörigen oberflächlichen Demonstrationen und Straßenfesten zu verschwinden. Den „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf zu ignorieren, weil antifaschistische Aktionen dort mühsam sind, kommt einem Tolerieren gleich und widerspräche damit den Grundgedanken antifaschistischer Theorie und Praxis.
Um die Chance zu haben, eine inhaltliche Kritik außenwirksam darzustellen und zugleich eine realistische Möglichkeit für eine erfolgreiche Verhinderung des Aufmarsches zu haben, sind viele Menschen von Nöten. Beteiligt euch daher zahlreich an Gegenaktionen! Es gilt, sowohl dem Geschichtsrevisionismus der Neonazis, als auch dem bürgerlichen Umgang mit selbigem eine emanzipatorische Kritik entgegenzusetzen und darüber hinaus mit allen Mitteln dem „Trauermarsch“ der Neonazis seine szenestärkende Bedeutung zu nehmen!

Wir sehen uns am 04. August!